Zuerst hatte es nach einem der Vorträge im kleinen Kreis ausgesehen, die gelegentlich im Gemeindearchiv stattfinden. Geplant war, im Rahmen einer vom Brucker Forum initiierten Veranstaltung die Geschichte von Türkenfeld und Zankenhausen von der Vorkriegszeit bis in die Nachkriegszeit zu beleuchten. Nach der Ankündigung der Veranstaltung in den Medien zeichnete sich ab, dass ein Vortragstermin für die hohe Zahl der Interessenten nicht ausreichen würde. Am Ende der Vortragsreihe waren im Januar an sechs Terminen insgesamt 62 Teilnehmer im Archiv.
Zu Beginn jedes Vortrags wurde anhand von Beispielen gezeigt, wie die NS-Ideologie immer mehr den Alltag des Dorfes beeinflusste. Kurz nach der Verabschiedung des „Ermächtigungsgesetzes“ durch den Reichstag im März 1933 wurden in beiden Ortsteilen die bisherigen demokratisch gewählten Bürgermeister durch systemtreue Personen ersetzt. Repressalien gegen Politiker und die Geistlichkeit nahmen zu.
In Gemeinschaftsarbeit wurden von den Einwohnern Infrastrukturprojekte wie der Ausbau des Thalhauser Berges (heute Echinger Straße) in Zankenhausen oder die Höllbachregulierung im Ortsbereich durchgeführt. 185 Einwohner wurden zum Militär eingezogen, ein Drittel davon kam nicht zurück. Die Arbeitsbelastung der Frauen stieg stark an. So wurden im Jahr 1944 erstmals Frauen in der Hilfsfeuerwehr eingesetzt. Durch den Einsatz von Kriegsgefangenen konnte der Arbeitskräftemangel nur leicht gemildert werden. Kriegsgefangene waren zentral an mehreren Stellen im Ort und bei den Bauern untergebracht, für die sie arbeiteten. Nach den Erzählungen älterer Einwohner wurden sie vom örtlichen Zahnarzt bei Übersetzungsproblemen betreut und hatten sogar vereinzelt die Möglichkeit, beim Silvesterritt mitzureiten.
Die Planungen der für die Rüstungsproduktion zuständigen Organisation Todt und der Reichsbahn für das „Lager Türkenfeld“ führten zu erheblicher Unruhe im Ort. Im Bereich der Bahnhofstraße entstanden unter Beteiligung örtlicher Baufirmen Wassertürme, Zementmischanlagen und eine Reihe von Funktionsbauten, die zum Teil heute noch genutzt werden.
Zur Unterbringung der für die Bauarbeiten eingesetzten Häftlinge der KZ-Außenlager aus Kaufering wurde westlich außerhalb von Türkenfeld mit dem Bau eines Arbeitslagers für etwa 600 Personen begonnen. Wegen Planungsfehlern und Materialknappheit wurde das Lager nie in Betrieb genommen. Nicht ganz geklärt ist die ursprüngliche Funktion der Tarnbauten zwischen Stockenlechen und Gscheibliberg, die nach dem Krieg für die Kinderwagerlfabrik und eine Baustofffirma weiter genutzt wurden.
Die amerikanischen Streitkräfte richteten ihr Quartier auf dem Gelände ein, das heute von den Firmen Jankus und Müller genutzt wird. Etwa 100 verwundete deutsche Soldaten wurden von den Amerikanern aus dem im nahen Kloster St. Ottilien eingerichteten DP-Camp (DP = Displaced Persons) in das Türkenfelder Rathaus gebracht.
Nach dem Kriegsende strandeten auffallend viele Reichsbahnmitarbeiter in Türkenfeld. In den Reichsbahnbaracken entstand das „Ungarnlager“, später kam eine hohe Zahl von Flüchtlingen und Heimatvertriebenen dazu, die für die dörfliche Infrastruktur eine hohe Belastung darstellten. Bis in die 70er-Jahre wurde das Türkenfelder Schloss zu Wohnzwecken genutzt, um die drückende Wohnungsnot zu mildern.
Landwirte setzten sich gegen Zwangseinweisungen von Flüchtlingen zur Wehr, die anfangs nicht gerne gesehen wurden. Die Arbeitsleistung und Zielstrebigkeit der Neubürger wurden aber durchwegs anerkannt. Südwestlich der Bahn entstand der Ortsteil Neu-Türkenfeld, auch als Klein-Russland bekannt. Der Orkan vom Juli 1946, der von Geltendorf bis Fürstenfeldbruck eine Schneise durch die Wälder schlug, erschwerte die Situation zusätzlich. Die Aufarbeitung des Bruchholzes in einem extra dafür gebauten Sägewerk am nördlichen Ortsrand brachte einige Flüchtlinge in Lohn und Brot.
Anhand von Originaldokumenten, vielen Fotos und Einwohnerberichten konnte das Bild einer schwierigen Zeit für Türkenfeld und Zankenhausen nachgezeichnet werden. Mit mehreren Teilnehmern wurden Gesprächstermine vereinbart, um einzelne Themen weiter zu erforschen.
Erschienen in der Frühjahrs TiB 2026 – Ausgabe 48, Seite 3, Dieter Hess