Bei Glätte und Schnee sind die Räum- und Streufahrzeuge des Winterdienstes (mehrmals) täglich im Einsatz. Um die Kreisstraßen kümmert sich der Landkreis, für alle anderen Straßen steht die Gemeinde in der Verkehrssicherungspflicht.
Für Türkenfeld bedeutet das: Ein externer Dienstleister räumt und streut mit seinem 10-Tonner-Unimog die Haupt- und größeren Nebenstraßen. Zusätzlich sorgen Gemeindemitarbeiter mit zwei kleineren Fahrzeugen für die Sicherheit auf Gehwegen, Plätzen, engen Nebenstraßen oder an Bushaltestellen, Friedhöfen und dergleichen. Oft spielt sich das zu nachtschlafender Zeit ab. Alles also eine selbstverständliche Dienstleistung? Wir von der TiB wollten es genauer wissen. Nach zweieinhalb Stunden Schnuppertour in der Fahrerkabine des Zehntonners waren wir schlauer.
Im Januar fällt endlich Schnee
Kurz nach 6 Uhr summt mein Handy. „Bist du schon auf? In fünf Minuten bin ich bei dir.“ Der Anruf kommt von Hans Georg Liegsalz, mit dem ich am Tag zuvor vereinbart hatte, dass ich ihn heute im Unimog auf seiner Tour durch Türkenfeld begleiten darf. Das hätte ich eigentlich schon im Winter 2024/25 machen wollen, aber wegen Schneemangel fiel es damals aus. Jetzt am 8. Januar 2026 ist es endlich soweit. In der Nacht hat es leicht geschneit, Schneepflug und Salzstreuer kommen zum Einsatz. Wenige Minuten nach sechs steige ich in den Unimog.
Auf den Beinen bin ich schon seit halb sechs – ich hatte ja auf den Anruf gewartet. Verglichen mit Hans Georg Liegsalz ist das aber gar nicht der Rede wert. Sein Dienst hat bereits um halb vier begonnen. „Wie jeden Tag geht da der Wecker und dann schau ich raus, was los ist an der Wetterstation. Ob’s gefriert, nass oder was anderes ist, und dann fahr ich die Runde“, wird er mir später während unserer Tour verraten. Seit dem Winter 2018/19 geht das so. Damals hat Hans Georg den Winterdienst von der Gemeinde übernommen, seither ist er als selbstständiger Unternehmer dafür zuständig, dass die Haupt- und größeren Nebenstraßen im Gemeindegebiet geräumt und gestreut werden.
Während ich auf dem Beifahrersitz des Unimogs noch beschäftigt bin, mich zu orientieren, sind wir schon in der Graf-Lösch-, Thünefeld- und Kirchstraße unterwegs. Unser Ziel ist das Gewerbegebiet. Auf dem Weg dorthin macht der drei Meter breite Schneepflug bereits seine Arbeit. Ihn durch die Frontscheibe zu beobachten, fasziniert mich am meisten. Hans Georg steuert ihn mit minimalen Bewegungen seiner rechten Hand, die auf einem Schaltknüppel liegt. Mal steht die Schaufel nur in einem leichten Winkel zum Straßenrand, im nächsten Moment muss sie, aus welchen Gründen auch immer, schon wieder steiler gestellt oder sogar nach links gedreht werden. Parallel dazu lenkt er mit dem Lenkradknauf in der linken Hand den Unimog in sanftem Bogen um abgestellte Fahrzeuge am Fahrbahnrand herum. Beständig hat er dabei seine Außenspiegel links und rechts und die über seinem Kopf platzierte Rückfahrkamera im Blick. All das registriere ich im Lauf der ersten halben Stunde erst nach und nach. Von Anfang an nehme ich allerdings irritiert das „Rumps“ wahr, mit dem der Schneepflug leicht federnd immer mal wieder über einen aus der Straße zu weit herausragenden Schachtdeckel fährt.
Kein Tag ist gleich
Hans Georg Liegsalz ist heute eine knappe halbe Stunde hinter seinem Zeitplan – ein Telefonat zuhause in Geltendorf (jemand mit einem technischen Problem!) hat ihn erst später losfahren lassen. Jetzt im Gewerbegebiet sind wir aber einen Tick früher als sonst. „Heut läuft alles ein bisserl aus dem Ruder, aber das holen wir schon wieder rein“, kommentiert er das. Für ihn ist das Alltag. Genauso wie er im Winter jeden Tag aufs Neue abwägen muss, bei wieviel Zentimeter Schneefall er ausrückt. „Ich kann ja nicht bei der ersten Schneeflocke anfangen, aber wir haben eine Verkehrssicherungspflicht.“ Das beinhaltet auch einen morgendlichen „Schaudienst“, um zu entscheiden, was bei welcher Witterung konkret zu tun ist.
In über acht Jahren Winterdienst hat Liegsalz viel dazugelernt. Eine seiner Erfahrungen ist, dass er den Schneepflug sicherheitshalber mitnimmt, auch wenn es vermeintlich nur nach Salz streuen aussieht. „Wenn nur ein bis zwei Zentimeter Schnee liegen, geht mit Salz allein fast nichts. Da würde ich Mengen brauchen, das wäre brutal. Aber wenn der Schneepflug mitläuft, kann ich mit viel geringerer Menge fahren.“ So eine Situation ist heute. Vorne räumt der Pflug die wenigen Zentimeter Schnee weg und gleichzeitig verteilt der Salzstreuer hinter uns 7,5 g Salz pro m2. Diese Einstellung ist genau richtig, wird Liegsalz am Ende unserer Tour zufrieden feststellen: „Auf den Straßen ist alles frei. Das Salz hat also gereicht.“
Die Erfahrung hat ihn auch gelehrt, dass am „alten Brenner“, der schmalen Straße, die zwischen Türkenfeld und Geltendorf an den Bahngleisen entlangführt, 15 cm Schnee liegen können, obwohl es gar nicht geschneit hat. Verursacher dafür sind die vorbeifahrenden Züge, von denen es ständig herabweht. „Wenn ich da nur mit dem Salzstreuer unterwegs war, bin ich wieder heimg’fahrn und hab‘ den Schneepflug hinbaut.“
Nur Salz streuen oder auch Schnee räumen?
Für Hans Georg Liegsalz macht diese Frage einen großen Zeitunterschied. „Wenn ich komplett in Türkenfeld streu, dann bin ich in zwei bis zweieinhalb Stunden durch. Danach fahr ich zurück nach Geltendorf und leg mich noch zwei Stunden hin. Wenn ich aber räumen muss, dann dauert’s sechs bis acht Stunden. Sollte es nicht aufhören zu schneien, geht es danach weiter.“ Wenn es so heftig und so viel schneit wie am ersten Advent 2023, können daraus sogar 38 Stunden werden! „In der Früh um drei hab‘ ich nimmer gekonnt. Da war ich schon 12 Stunden nonstop unterwegs. Ich bin auch nicht mehr heim nach Geltendorf gekommen, denn da waren alle Straßen wegen umgeknickter Bäume dicht. Ich hab‘ mich dann beim Salzsilo reingestellt und eine Dreiviertelstunde geschlafen. In dieser Zeit hat’s vorne auf den Schneepflug schon wieder 20 cm draufgeschneit.“
Verglichen mit dem Schneechaos vor zwei Jahren geht es am heutigen 8. Januarmorgen richtig entspannt zu. Die Straßen im Gewerbegebiet liegen mittlerweile hinter uns, auch die Straße hinaus zur Waldkapelle ist geräumt und gestreut. Jetzt sind wir mit 30 km/h in Richtung Burgholz unterwegs. Diese Details verrät uns die GPS-Zeiterfassung, die während der Einsatzzeit des Unimog immer mitläuft und wichtige Daten dokumentiert. „Das ist eine ganz schlaue App“, merkt Hans Georg Liegsalz an. „Und immer gut, wenn jemand behauptet, dass der Winterdienst schon drei Tage lang nicht gekommen ist.“
Rücksicht und Vorsicht
Die knappe halbe Stunde, mit der wir heute später unterwegs sind, macht sich jetzt mit Konsequenzen bemerkbar. „Jetzt ist der Kleine hier auch schon unterwegs.“ Mit „dem Kleinen“ ist der Kleintraktor der Gemeinde gemeint, der die Gehwege räumt und streut. „Mir ist lieber, ich fahr zuerst durch,“ erklärt Hans Georg. „Denn wenn wirklich was von meinem Pflug auf den Gehweg rüberfällt, dann räumt der es wieder weg und es schaut sauberer aus.“
Wenn es irgendwie geht, achtet Liegsalz darauf, den Schnee bergab zu räumen. Seine Begründung leuchtet ein: „Hast du den Schnee bergauf geräumt und es taut, dann läuft das Tauwasser ständig über die Straße rüber und du bist am nächsten Tag wieder mit dem Salzstreuer unterwegs.“ In der Aresingerstraße wiederum schiebt er den Schnee immer Richtung Bahngleis, was sich um vier Uhr morgens, wenn noch niemand unterwegs ist, auch problemlos bewerkstelligen lässt. „Dann ist er von der Straße weg und kann die nächsten Tage vor sich hintauen“, ist hier Hans Georgs Begründung. Am heutigen Donnerstagmorgen hat auch die Strecke nach Burgholz hinaus seine Besonderheit, denn es ist sehr windig. „Da muss ich an den linken Straßenrand rüberräumen. Ansonsten würde der Westwind den Schnee gleich wieder auf die Straße zurückwehen.“
Nach den Arbeiten in Burgholz sind die kleinen Siedlungsstraßen links und rechts der Beurer Straße an der Reihe. Noch ist es dunkel, der Verkehr hat jetzt aber deutlich zugenommen und zwischen 7 und 8 Uhr sind zusätzlich viele Schulkinder unterwegs. Für Hans Georg Liegsalz bedeutet das, er muss jetzt seine Augen überall haben. Besonders, wenn er an kleinen Plätzen oder Straßeneinmündungen mehrmals vor und zurück fahren muss, bis alles freigeräumt ist. Unvermittelt deutet er nach oben auf die Rückfahrkamera: „Die rettet jedes Jahr ein paar Türkenfeldern das Leben. Denn obwohl sie sehen, dass ich hin und herfahre, laufen’s im toten Winkel hinter dem Fahrzeug rum. Statt kurz zu warten, bis ich hinten bin und dann vor mir rüberzugehen.“ Äußerste Vorsicht ist nach seiner Erfahrung auch angebracht, wenn jemand mit Kopfhörer unterwegs ist. „Ich bin schon hinter welchen hergefahren, da hat der Schneepflug fast an der Handtasche angeschoben und die haben nichts bemerkt.“ Während Hans Georg Liegsalz seinen Unimog bisher ruhig und entspannt gelenkt hat, merkt man ihm in diesem Moment an seiner erregten Stimme deutlich an, dass er dieses unvernünftige Verhalten überhaupt nicht verstehen kann
Pro Tour kommen 100 Kilometer zusammen
„Die ganzen Siedlungsstraßen dauern am längsten“, antwortet Hans Georg auf meine Frage, wie viele Kilometer denn pro Tour zusammenkommen. „Du fahrst jede Straße doppelt, musst immer wieder zurück durch eine Straße, die schon fertig ist. Dann die ganzen Rückwärtskilometer durch das Hin und Her an Wendehammern und Plätzen. Also einmal durchräumen sind knappe 100 Kilometer.“ Womit sich auch der Zeitbedarf von sechs bis acht Stunden erklärt.
Als erstes ist beim Räumen ab 4 Uhr früh der ganze Bahnhofsbereich dran, er hat Vorrang. An ihn schließen sich die Ortsverbindungsstraßen nach Zankenhausen, Pleitmannswang, Peutenmühle und Burgholz an. Danach werden im Ort die sogenannten Prio-2-Straßen geräumt. Dazu zählen Schulweg, Kindergärten oder Ortsstraßen wie die Gollenbergstraße, in denen mehr Verkehr ist. Zuletzt nimmt sich Hans Georg die kleineren Siedlungsstraßen vor. Der banale Grund, warum die zuletzt an der Reihe sind, sind die Schachtdeckel: „Wenn du in der Früh um 5 Uhr in einer Siedlungsstraße über einen Schachtdeckel fährst, dann stehen’s alle im Bett“, erklärt er. Für mich ist das auf Anhieb einleuchtend, denn wie laut es beim Überfahren eines Kanaldeckels zugehen kann, erlebe ich in den zweieinhalb Stunden im Unimog mehrmals.
Einem Schachtdeckel hatte Liegsalz seinen bisher größten Schaden am Schneepflug zu verdanken. Das war gleich in seinen ersten zwei Jahren in der Ammerseestraße, als er die Lage der Schachtdeckel noch nicht so gut kannte. „Damals hat’s mir beim Vorgänger-Unimog gleich das ganze Steuergerät zerlegt, da war dann Stillstand. Das war ein Schaden von fast 2000 Euro.“ Besonders stolz ist er darauf, dass er in den ganzen Jahren noch nie einen Spiegel weggefahren hat. Angesichts der vielen parkenden Autos am Straßenrand sicherlich eine besondere Leistung!
Technisch bestens ausgestattet
Den Mercedes-Unimog, mit dem wir unterwegs sind, hat sich Hans Georg vor drei Jahren gekauft, auch der vier Jahre alte Schneepflug gehört ihm selber. Der Salzstreuer ist im Besitz der Gemeinde, in seiner Edelstahlausführung kostet er allein schon an die 30.000 Euro, hat dafür aber auch „das ewige Leben“. Für den Fall, dass dieses, alles in allem rund 250.000 Euro teure Gespann aus welchem Grund auch immer ausfallen sollte, hat er zu Hause in Geltendorf „eine Rückfallebene“ stehen. „Ein zweites Gespann in Reserve hat auch nicht jeder Unternehmer“, merkt er dazu an. Der etwas schmalere Schneepflug, der ebenfalls Eigentum der Gemeinde ist, stammt noch von Richard Schorer, seinem Vorvorgänger im Winterdienst. Insgesamt ist dieses Gespann inklusive älterem Unimog zwar etwas kleiner, doch „es geht weiter“.
Liegsalz‘ wertvollstes Kapital aber ist seine Erfahrung. Seit 38 Jahren ist er bei der Landmaschinenfirma Grüner in Zankenhausen beschäftigt. Mit 15 hat er dort seine Lehre als Landmaschinenmechaniker angefangen, schon mit 25 hatte er seinen Meisterbrief in der Tasche. Mit Motoren und Getriebe kennt er sich seit dieser Zeit bestens aus. All das kommt ihm natürlich bei seiner unternehmerischen Tätigkeit zugute. Zu reparieren gibt es schließlich an einem Schneeräumgespann – aber nicht nur hier! – ständig etwas. Vor allem an der Beleuchtung hakt es öfters. Mal ist es ein Wackelkontakt an der Schlussleuchte, ein andermal ist von den Positionsleuchten des Schneepflugs ein Kabel defekt usw.
Meine Schnuppertour geht zu Ende
Um halb neun klettere ich wieder aus der hochgelegenen Fahrerkabine des Unimogs heraus. Als wichtigste Erkenntnis meiner Schnuppertour nehme ich mit, dass Winterdienst eine unglaubliche Präzisionsarbeit ist. Sie erfordert höchste Konzentration, und sie passiert nicht selten unter erschwerten Bedingungen.
Hans Georg Liegsalz hat jetzt noch den Pausenhof an der Schule zu räumen. „Dann fahr ich heim und frühstücke. Außerdem steht noch das Reinigen des kompletten Fahrzeugs an. Mit Dampfstrahler, eine 80-Grad-Wäsche.“ Das tägliche Waschen ist ein Muss, hat er mir vorher beim Nachladen von Salz aus dem Silo am Wertstoffhof verraten. „Denn beim Reinfüllen staubt es gewaltig und das pappt dann überall.“ Allerdings könnte er heute auch noch ein zweites Mal ausrücken müssen. Laut Wetter-App soll es ab dem späten Nachmittag nochmal schneien. Dann geht alles wieder von vorne an.
Erschienen in der Frühjahrs TiB – Ausgabe 48, Seite 12, Gerhard Meißner
„Die Kleinen“ räumen die Gehwege
Um den Winterdienst auf den Gehwegen und in kleinen Nebenstraßen kümmern sich abwechselnd sechs Mitarbeiter der Gemeinde. Als Räumgeräte stehen ihnen ein blauer Kleintraktor der Marke Iseki zur Verfügung und ein etwas größerer Radlader, der elektrisch betrieben wird. Beide Fahrzeuge sind im Besitz der Gemeinde und können ohne Schneepflugaufsatz in den übrigen Monaten auch vielseitig für andere Zwecke eingesetzt werden.
Im Winterdienst sind „die Kleinen“ ab 4 Uhr im Einsatz. Fürs Räumen und Streuen benötigen sie fünf bis sechs Stunden, muss nur gestreut werden, dauert die komplette Tour ca. drei Stunden.









