Die evangelische Kirche in Türkenfeld war über 50 Jahre lang nicht nur ein Raum für Gottesdienste, sondern ein Ort der Gemeinschaft, des Glaubens und des Miteinanders. Hautnah konnten die Gemeindemitglieder am 19. Oktober 2025 – dem Kirchweihsonntag, einem Tag, der traditionell der Weihe von Kirchen gewidmet ist – erleben, wie die evangelische Friedenskirche in Türkenfeld im Rahmen eines letzten Gottesdienstes offiziell entwidmet wurde. Ein Abschied von einem bedeutenden Teil der örtlichen Identität.
Im Entwidmungsgottesdienst, der von Pfarrerin Patricia Röhm geleitet wurde, nahmen Gemeindemitglieder und Gäste Abschied von ihrem Kirchengebäude. Dekan Dr. Markus Ambrosy hielt die Predigt und verlas die Entwidmungsurkunde, durch die das Gotteshaus symbolisch und offiziell ihrer Sakralität entbunden wurde. Am Ende des Gottesdienstes wurden in einer Prozession die liturgischen Gegenstände symbolisch aus der Friedenskirche hinausgetragen, unter anderem Bibel, Taufschale, Abendmahlsgeschirr, Posament, Altarkreuz und Osterkerze.
Die beiden Vorabende standen bereits im Zeichen der Erinnerung. Am Freitag wurde die Ausstellung „Friedenskirche, Bilder und Geschichten“ eröffnet. Dabei erzählte Prädikant Paul Böser die Geschichte der Kirche (Anm. der Redaktion: Ein Prädikant ist ein von der Kirche beauftragter ehrenamtlicher Prediger.) Bei klassischer Musik wurden Anekdoten aus dem Gemeindeleben ausgetauscht. Am Samstag gab es einen Bunten Abend mit Musik, Wort und Tanz. Es spielten die Kerschbaum Musi, der katholische Kirchenchor Türkenfeld trat auf, und die kabarettistischen „Zwischentöne“ steuerte Pfarrerin Renate Kühn bei. Selbst gemachte Speisen gab es natürlich auch. Die einhellige Meinung: Wir konnten immer schon miteinander feiern.
Mit dem Verlust umgehen
Die Entwidmung der eigenen Kirche ist für viele Christen ein schmerzhafter und schwieriger Prozess, der oft mit den Phasen der Trauerarbeit vergleichbar ist. Es ist nicht nur der Verlust eines Gebäudes, sondern der Abschied von einem Ort, der mit persönlichen Erinnerungen, der Gemeinschaft und der Spiritualität eng verbunden ist. Der Abschied hat Tränen hervorgerufen, aber auch Dankbarkeit: für das, was war, für das Gemeinsame und für die Spuren, die bleiben.
Für viele Gemeindemitglieder war die Kirche ein zentraler Ort ihres religiösen Lebens. Der Verlust der Heimatkirche, die über Generationen ein zentraler Treffpunkt war, hinterlässt eine große Lücke. Hier wurden sie getauft, haben geheiratet und haben Abschied von geliebten Menschen genommen. Die Entwidmung bedeutet den Verlust dieses vertrauten Ortes (siehe dazu die Aussagen von zwei Zeitzeugen).
Dieser Schritt fällt der evangelischen Kirchengemeinde Grafrath, zu der auch Türkenfeld gehört, nicht leicht. Die Entscheidung, sowohl die Friedenskirche in Türkenfeld als auch in einigen Monaten die Kirche in Mammendorf aufzugeben, war das Ergebnis einer gewissenhaften Diskussion im Kirchenvorstand mit dem Dekanat und der Landeskirche. Hauptgründe für die Schließung der Kirchengebäude sind zukünftige hohe Sanierungskosten und die angespannte finanzielle Lage der Kirche. Auch sind weniger Menschen Mitglieder der Kirche, so fehlen die Einnahmen aus der Kirchensteuer, um die Kirchengebäude zu erhalten bzw. das Gemeindeleben zu ermöglichen.
In guten Zeiten war die Kirche ein lebendiger Treffpunkt mit regelmäßigen Gottesdiensten, Gemeindeveranstaltungen, Begegnungen und auch mit kulturellen Elementen. In den letzten Jahren jedoch fanden die Gottesdienste nurmehr einmal monatlich statt – ein Hinweis auf den Rückgang der aktiven Nutzung. Auch ist nicht zu übersehen, dass Gemeindemitglieder immer älter werden. Woran liegt es, dass es den christlichen Kirchen immer schwerer fällt, Menschen, vor allem auch junge Menschen, an sich zu binden?
Die Friedenskirche war für viele Türkenfelder und Türkenfelderinnen mehr als nur ein Gebäude; sie war ihre geistige Heimat. Die Entwidmung ist besonders schmerzhaft, da die Friedenskirche einst von den Gemeindemitgliedern selbst erbaut, über die Jahre gepflegt und mit lebendigem Glauben erfüllt wurde. Letztlich ist der Umgang mit der Kirchenentwidmung eine persönliche Glaubensprüfung, die auch zur Stärkung des Glaubens führen kann, indem sie die Erkenntnis vertieft, dass der Glaube und die Kirche als Gemeinschaft über materielle Gebäude hinausgehen.
Die Geschichte einer Kirche aus „lebendigen Steinen“
Die Wurzeln der Kirche reichen zurück bis in die Nachkriegszeit, als evangelische Flüchtlinge aus Siebenbürgen, dem Sudetenland und Schlesien in Türkenfeld eine neue Heimat fanden. Die Integration der Vertriebenen in Türkenfeld nach dem Zweiten Weltkrieg war ein bedeutender, aber nicht einfacher Prozess, der die Entwicklung Türkenfelds nachhaltig prägte.
Soziale und kulturelle Integration
Die Ankunft der Vertriebenen in den 1940er- und 1950er-Jahren stellte sowohl für die Neubürger und Neubürgerinnen als auch für die ansässige Bevölkerung eine große Herausforderung dar. Die Vertriebenen brachten nicht nur ihre Habseligkeiten, sondern auch ihre eigenen Traditionen, Dialekte und sozialen Strukturen mit.
Ein zentrales Element ihrer Integration war der Wunsch nach einem eigenen geistlichen Zentrum. Diese Menschen, die zuvor in überwiegend protestantischen Regionen gelebt hatten, sahen sich in der katholisch geprägten Region mit der Notwendigkeit konfrontiert, eine eigene kirchliche Gemeinschaft aufzubauen. Die in Türkenfeld lebenden evangelischen Christen gehörten bis dahin den Evangelisch-Lutherischen Kirchengemeinden in Fürstenfeldbruck an. Mit viel Engagement und mit großer Eigenleistung wurde schließlich 1972 das Gemeindezentrum (Gebetshaus) an der Ecke Egerländer-/Zugspitzstraße errichtet. Den Namen Friedenskirche erhielt die Kirche 2012. Der Name drückt das wachsende ökumenische Miteinander aus – ein Ort, an dem Frieden gewürdigt und aktiv gelebt wird.
Ein Neubeginn durch Ökumene
Der Verlust des Gebäudes bedeutet nicht das Ende des evangelisch geprägten Lebens in Türkenfeld. Die evangelische Theologie bietet hier einen wichtigen Trost: Die Kirche ist nicht das Gebäude, sondern die Gemeinschaft selbst – das „Haus aus lebendigen Steinen“. Gottes Gegenwart ist nicht an einen physischen Ort gebunden, sondern überall spürbar.
Heute, in Zeiten, wo sich so viel verändert, bietet sich die Chance, neue, ökumenische Wege zu beschreiten. Dank der Unterstützung der katholischen und der politischen Gemeinde könnten die beiden Konfessionen eine „ökumenische Wohngemeinschaft“ bilden. Dies würde die gemeinsame Nutzung von Kirchengebäuden ermöglichen, was nicht nur Kosten für Unterhalt spart, sondern auch die Sichtbarkeit beider Gemeinden vor Ort sichert.
Aktiv die Zukunft gestalten
Ein solcher Prozess stärkt den Dialog, den Austausch und die Zusammenarbeit bei gemeinsamen Projekten und zeigt, dass christliche Gemeinschaft auch unter schwierigen Umständen wachsen kann. Dazu wurde am 15. Oktober eine „Zukunftswerkstatt“ durchgeführt. Sie gestaltete sich in drei Phasen: In einer Kritikphase wurde zunächst eine umfassende Bestandsaufnahme der aktuellen Situation erhoben. In der zweiten Phase – einer Utopiephase – wurde über die Realität hinaus nach Lösungen gesucht, die die gedanklichen Begrenzungen unseres Alltags überschreiten. In der anschließenden dritten Phase der Realisierung wurden erste Planungen und die Umsetzung von Projekten besprochen und auf den Weg gebracht. Diese Anregungen werden in den nächsten Wochen weiter konkretisiert.
Unser Erfolg hängt maßgeblich davon ab, wie wir in den Gemeinden bereit sind, aufeinander zuzugehen und theologische sowie menschliche Hürden zu überwinden, um Glaubensgemeinschaft zu leben.
Dieser Text wurde von Gemeindemitgliedern zusammengetragen und von Ditz Schroer aufgeschrieben. Erschienen in der Winter TiB 2025 – Ausgabe 47, Seite 18
Pfarrerinnen und Pfarrer in unserer Gemeinde
Pfarrer Richter / Pfarrer Oberthür / Pfarrerin Reese / Pfarrerin Ringk / Pfarrerin Keller / Pfarrer Schäfer / Pfarrerehepaar Edith Öxler, Pfarrer Felix Walter / Pfarrerehepaar Ulrike und Christian Dittmar / Pfarrerin Sabine Huber / Pfarrer Karl Mehl
… und heute Pfarrerin Patrizia Röhm
Zeitzeuge Bodo Schmidt:
Viel Engagement – nun Wut und Enttäuschung
Bodo Schmidt errichtete vor 53 Jahre ehrenamtlich mit Gemeindemitgliedern die evangelische Kirche und 1983 als Architekt den Kirchenanbau/Jugendraum. Die Entwidmung des Gotteshauses ist für ihn ein zutiefst schmerzlicher und emotionaler Prozess. Die Schließung der Kirche ist für Bodo Schmidt ein Spiegelbild des gesellschaftlichen Wandels, der direkt in sein persönliches Leben eindringt. Der Entwidmungsgottesdienst war für ihn kein feierlicher Akt, sondern ein schmerzhafter Abschied. Der Gottesdienst war die letzte Gelegenheit, dem Ort, an dem so viele wichtige Momente seines Lebens stattfanden, Lebewohl zu sagen. Die Entwidmung – ein tiefgreifendes, persönliches Geschehen für Bodo Schmidt.
Zeitzeugin Barbara Schneider:
Ein Geschenk – das nunmehr seine Bedeutung verliert
Bodo Schmidt errichtete vor 53 Jahre ehrenamtlich mit Gemeindemitgliedern die evangelische Kirche und 1983 als Architekt den Kirchenanbau/Jugendraum. Die Entwidmung des Gotteshauses ist für ihn ein zutiefst schmerzlicher und emotionaler Prozess. Die Schließung der Kirche ist für Bodo Schmidt ein Spiegelbild des gesellschaftlichen Wandels, der direkt in sein persönliches Leben eindringt. Der Entwidmungsgottesdienst war für ihn kein feierlicher Akt, sondern ein schmerzhafter Abschied. Der Gottesdienst war die letzte Gelegenheit, dem Ort, an dem so viele wichtige Momente seines Lebens stattfanden, Lebewohl zu sagen. Die Entwidmung – ein tiefgreifendes, persönliches Geschehen für Bodo Schmidt.