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Wirbelsturm im Juli 1946
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Ein extremes Wetterereignis verwüstete am 28. Juli 1946 Teile unseres Landkreises. Besonders betroffen war dabei ein Korridor von etwa Geltendorf bis Fürstenfeldbruck. Auch Türkenfeld gehörte zu den Geschädigten.

Eine Anfrage bei der Zentrale des Deutschen Wetterdienstes in Offenbach wurde weitergeleitet an den Deutschen Wetterdienst München; dort machten sich einige Mitarbeiter auf die Suche nach alten Aufzeichnungen und sind fündig geworden. Von einem Wetterbeobachter in Grafrath sind noch alte Tagebücher mit entsprechenden Eintragungen vorhanden. Darin ist zum Beispiel festgehalten, dass am 28.07.1946 ab 16:00 Uhr starker Regen mit einer Niederschlagsmenge von 42,2 mm Höhe einsetzte. Der Wind wurde mit vier Fahnen eingetragen, was auf Orkanstärke bis 120 km/h hinweist; auch ein starkes Gewitter wurde ab 15:31 Uhr vermerkt. Ein weiterer Wetterbeobachter aus Sankt Ottilien kommt zu ähnlichen Eintragungen, darunter einer Tages-Niederschlagsmenge von 114,4 mm.

Schwarze, feurig-rote, giftgrüne Wolken
Interpretiert man die Aufzeichnungen der Wetterbeobachter des damaligen „Deutschen Wetterdienstes in der US-Zone“ aus Grafrath und Sankt Ottilien, könnte es sich um einen Wirbelsturm gehandelt haben. In der Aufzeichnungskarte aus Grafrath ist zu lesen, dass sich die Wolken erst von Ost nach West und dann von West nach Ost bewegten. Auch beschreibt der Wetterbeobachter aus Grafrath unterschiedliche Färbungen in den Wolken: von anfänglich schwarz, dann rot (feurig) sowie giftgrün. Dies könnte durch hohen Wassergehalt und Eispartikel, gemischt mit aufgesaugtem Bodenmaterial, sowie durch Lichtbrechung, ähnlich wie bei den Regenbogenfarben, entstanden sein. In der weiteren Beschreibung stellt er fest, der Regen hatte die Geschwindigkeit des Windes und sei mit „Steinkörnern“ gemischt gewesen. In der Rubrik weitere Beobachtungen vermerkte der Grafrather Wetterbeobachter: „Orkan“ – und weiter: Dächer wurden abgedeckt, Bäume entwurzelt, Telefonmasten umgeknickt, Fenster eingedrückt! Als Beginn des ersten Donners ist im Datenblatt 15:30 Uhr, die größte Nähe des Gewitters zwischen 16:00 und 16:30 Uhr, als Ende des Gewitters wird 17:30 Uhr angegeben.

War es nun ein Wirbelsturm oder eine Gewitter-Superzelle? Tatsache ist bzw. war, dass in kurzer Zeit massive Schäden an der Infrastruktur und besonders in den Wäldern angerichtet worden sind.

Aufräumarbeiten landauf, landab
Nach dem Sturm galt es, die Schäden festzustellen, um notwendige Instandsetzungen einleiten zu können. Die Erhebung der Waldschäden sollte noch längere Zeit in Anspruch nehmen. Für den Anfang musste man sich mit Schätzungen begnügen. Eine erste Schätzung der amerikanischen Militärregierung im August 1946 ging von ungefähr 300.000 Raummeter zerstörten Waldes aus, fast 200.000 Raummeter davon im Kreisgebiet. Später erhöhte sich die Schadenssumme auf 500.000 Raummeter. Um das Ausmaß der Waldschäden zu veranschaulichen: Stapelt man 300.000 Raummeter Holz 1 m hoch und 1 m tief, erhält man einen Stapel von 300.000 m oder 300 km Länge. Auch wurde ein Großteil des noch nicht abgeernteten Getreides vernichtet. Im Jahr 1954 konkretisierte das Regierungsforstamt Oberbayern den entstandenen Schaden in der Zugrichtung des Wirbelsturms auf 60 % des gesamten Holzvorrates.

Nach der Schadensfeststellung mussten die Aufräumarbeiten organisiert werden, zumal der Borkenkäfer auch damals schon für große Schäden am Nadelholzbestand sorgte. Außerdem mussten Flächen für die Wiederaufforstung geschaffen werden! Um dem Windbruch herzuwerden, wurde in der Nähe von Türkenfeld, Richtung Moorenweis ein Sägewerk, bekannt als Rhein-Main-Donau-Sägewerk, aus dem Boden gestampft. Die Beschäftigten dort mussten mit den gelieferten Gattersägen erst einmal das Bauholz für eine Halle unter freien Himmel zuschneiden, so wird es erzählt. Der Krieg war kurz vorbei und es gab viele Flüchtlinge, die in Lagern leben mussten und auf Verteilung warteten. Dadurch wurden die Aufräumarbeiten in den betroffenen Waldgebieten für viele Flüchtlinge im Landkreis in den ersten Jahren nach dem Sturm zum sicheren Broterwerb und boten die Möglichkeit einer Unterkunft außerhalb von Lagern.

Schäden in Klotzau und im Türkenfelder Pfarrwald
Natürlich blieb auch Türkenfeld nicht ganz vom Sturm verschont. Im Ortsteil Klotzau zerstörte der Sturm ein landwirtschaftliches Gebäude vollständig. Auch unsere Waldkapelle, damals noch eine „Grotte“, wurde durch die Entwurzelung eines Baumes zerstört. 1954 trat anstelle der Grotte ein Bildstöckchen zu Ehren der Gottesmutter an der nördlichen Linde der heutigen Waldkapelle, erst 1961 wurde dann die Waldkapelle in ihrer jetzigen Form errichtet.

Hart getroffen wurde auch die Geltendorfer Pfarrkirche St. Stefan. Dort riss der Sturm die Kuppel des Kirchturmes ab, worauf diese im Gemüsegarten des damaligen Pfarrers Josef Unsinn landete. Menschen kamen dabei nicht zu Schaden. Bis 1950 mussten die Geltendorfer sich mit einem Provisorium als Dach begnügen (siehe Bilder). Selbst im fernen Fürstenfeldbruck wurde das komplette Amperbad hinweggefegt. In Gernlinden wurde ein sogenanntes „DP-Lager“ (Displaced Persons Camp) der amerikanischen Regionalregierung zerstört!

80 Jahre nach dem Sturm sind Zeitzeugen rar
Die Suche nach Zeitzeugen in Türkenfeld zu diesem extremen Wetterereignis fällt etwas dürftig aus; die meisten von ihnen waren noch zu jung und haben leider kaum konkrete Erinnerungen daran. Ein Zeitzeuge erinnert sich noch an einen übergelaufenen Dorfweiher. Ursache soll ein gestörter Abfluss gewesen sein. Das Wasser suchte sich seinen Weg durch die gegenüberliegenden Grundstücke zurück in den Höllbach. Dabei kam es auch zu Schäden an den betroffenen Häusern. Später wurde der Weiherabfluss durch Befestigung neu gestaltet.

Eine weitere Zeitzeugin war mit ihrer Schwester zu Fuß am Ammersee, auf dem Rückweg nach Türkenfeld sind sie ins Unwetter geraten. Leute in Eching haben ihnen Schutz in ihrem Haus angeboten. Ihr Vater machte sich mit dem Fahrrad auf die Suche nach den beiden, konnte sie aber so nicht finden. Als sich die Mädchen nach dem Unwetter wieder auf den Heimweg machten, mussten sie sich erst neu orientieren, weil als Folge der Verwüstungen alles total anders aussah. Sicherlich gab es noch weitere Sturmschäden in unserem Ort. Dennoch könnte man annehmen, dass jemand, wie schon so oft, seine schützende Hand über Türkenfeld gehalten hat, um Schlimmeres zu verhindern, wie zum Beispiel 1984 beim Jahrhunderthagel.

Anmerkung: Die Unterlagen (Texte, Bilder) zur Recherche stammen fast ausschließlich aus unserem Gemeindearchiv, welches von Dieter Hess mit großer Hingabe und Freude geleitet und auch immer weiterentwickelt wird – Danke dafür!

Erschienen in der Sommer TiB, Ausgabe Nr. 49, Waldemar Ludwig

Grafrath im Juli 1946: Aufzeichnungen des „Deutschen Wetterdienstes in der US-Zone“ - hier detaillierte „Gewitterbeobachtungen“
Lourdesgrotte Türkenfeld